what if ... !?

  • unser Universum
  • Intimität
  • ein etwas farbloser Alchimist
  • Spitzbergen
  • Turmbau zu Babel
  • zwei Arkana
  • Wortsturz
  • Wolkenbruch
  • geschätztes Unbekanntes
  • mehr als du denkst
  • schlimmste Formen der Liebe
  • Schmetterlingseffekt

unser Universum

Wenn ich etwas sagen könnte; wenn ich ein paar Worte äußern dürfte; wenn es mir tatsächlich möglich wäre, anderen etwas mitzuteilen und tatsächlich vernommen zu werden, vielleicht sogar verstanden; wenn ich herauszufinden versuche, wer ich bin; wenn ich begreife, dass ich dreißig Jahre ein Teil dieser Welt bin, dass mein ruheloser Geist und mein müder Körper dreißig Jahre ein Ganzes bilden, dass meine Seele dreißig Jahre auf der Suche ist; wenn ich verstehe, dass ich alles beeinflussen aber nichts verändern kann, dass ich eigentlich kaum die Gegenwart genieße, dass ich zu sehr an der Vergangenheit hänge, dass ich zu viel für die Zukunft plane, dass ich das Hier und Jetzt voll auskosten sollte; wenn mir klar wird, dass ich manchmal falsch handle, dass ich meine Fehler akzeptieren muss, dass ich meine Talente schätzen kann, dass es mir möglich ist zu helfen; wenn mich überkommt, dass ich meine eigene Geschichte kreiere, dass meine Wünsche wahr werden, dass der dunkelste Moment nur ein Wendepunkt ist, dass auch das hellste Ziel bloß den Weg darstellt, dass ich im Schicksal verwoben bin; wenn ich gleichzeitig lachend und weinend Zeichen für Zeichen erschaffe; wenn ich für die gewaltigsten Veränderungen dankbar bin und um die unbedeutendsten Dinge bitte; wenn ich in der Lage wäre, eine Botschaft in die Welt zu setzen; wenn ich tatsächlich ein paar Worte äußern dürfte, wenn ich wirklich etwas sagen könnte ... dann würde ich schweigen – ich würde die Unendlichkeit umarmen, meinen ganzen Schmerz sowie meine ganze Freude in meine Stille legen, und ich würde warten; warten, weil ich verstehen will, was mein Herz mir zuflüstert; weil ich wissen will, was das Universum weiß.


Intimität

Von seiner Position aus konnte Herr Zimmermann vier Dinge wahrnehmen.

Da war zunächst das monotone Klacken der Standuhr, welches zu ihm herüberhallte. Bei der Uhr handelte es sich um ein Möbelstück aus stabilem dunklem Holz, das schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, aber im Gegensatz zu seinem Besitzer erledigte es seine Aufgaben immer noch tadellos. Es war ein Geschenk von Herrn Zimmermanns bestem Freund gewesen. Zumindest war er damals ein Freund gewesen, doch leider hielten Freundschaften meist nicht ewig. Schade war bloß, dass sich Herr Zimmermann gar nicht mehr an den Namen des Freundes erinnern konnte.

Direkt vor ihm befand sich der Küchenschrank, mit zwei Glastüren bestückt, die beim Beben aufgesprungen waren. Eine der vielen Figuren auf den Regalen war heruntergefallen. Nun lag sie am Boden, und Herr Zimmermann konnte sie genauestens inspizieren. Seine verstorbene Frau hatte unzählige Figuren gesammelt, und diese hier war eine ihrer liebsten gewesen, ein kleines graues Mäuschen, das im Ballettkleidchen ein wenig verloren wirkte. Bei seinem Anblick dachte Herr Zimmermann an seine Frau und wie sie ständig die Regale gewischt hatte. Irgendwie ließ ihn die Erinnerung an die schlimme Krankheit seiner Frau erschaudern.

Aus dem Ofen drang ein aggressiver Geruch, und Herr Zimmermann konnte das verkohlte Brot beinahe schmecken. Er hatte es mit Wurst und Ei belegt, so wie es auch seine Schwester stets tat. Die beiden Geschwister hatten viele Gemeinsamkeiten, was durchaus Sinn ergab, da sie Zwillinge waren. Auch ihre Talente waren sehr ähnlich. So hatten sie in ihrer Kindheit beide ein Musikinstrument erlernt. Zusammen waren sie stundenlang auf der Veranda gesessen und hatten ihre blechernen Werkzeuge bearbeitet. Das letzte Mal hatten sich Herr Zimmermann und seine Schwester vor elf Jahren umarmt. Bei dem Streit um das Erbe waren Worte gefallen, die geschmerzt hatten.

Rau und kratzig fühlte sich der Umhängegurt des alten Rucksacks an. Als wäre er ein Rettungsanker in einem Bäume verschlingenden Sturm, so fest hatten sich Herr Zimmermanns faltige Finger um das Stückchen Stoff gekrallt. Früher hatte ihn sein Sohn auf Wanderausflügen getragen. Eine übertrieben grinsende Sonne war auf eines der Fächer gestickt worden. Nun gab es keine Ausflüge mehr. Vermutlich ging Herr Zimmermanns Sohn mittlerweile mit seinem eigenen Sohn wandern. Was für eine seltsame Bestrafung, den Enkelsohn nicht treffen zu dürfen, nur weil ein paar abfällige Äußerungen über Menschen anderer Hautfarbe gefallen waren.

Herr Zimmermann wusste, dass er sterben würde, wenn er keine Hilfe bekam. Hätte er sich doch nur bei seinem alten Freund entschuldigt, sich besser um seine kranke Frau gekümmert, mit seiner talentierten Schwester einen gemeinsamen Weg gefunden, alle Vorlieben seines aufgeschlossenen Sohnes akzeptiert. Vielleicht wäre dann einer dieser Menschen noch hier, um ihm nach diesem fatalen Sturz zu helfen.


ein etwas farbloser Alchimist

Manchmal starre ich ins Nichts, und sofort schießen mir tausende Gedanken durch den Kopf. Dann würde ich gerne den Mund öffnen und irgendetwas Wichtiges sagen; etwas von Bedeutung. So wie der persische Dichter Rūmī, bei dem jedes einzelne Wort so präzise gewählt und so perfekt platziert ist, dass man von seinen treffenden Weisheiten beinahe erschlagen wird. Aber ich blicke nur stumm aus dem Fenster und versuche mit kindlichen Begriffen so gut es geht das zu beschreiben, was vor meinen Augen Gestalt annimmt.

 

Während ich drinnen im Dunkeln stehe, in dem nur die Anzeige der Digitaluhr zu sehen ist, geht draußen die Sonne auf und färbt den Himmel rot.

 

Nachdem ich irgendwelche Phrasen aneinandergereiht habe, seufze ich. Gähnend frage ich mich, ob Schriftsteller wie Murakami Haruki auch mit solchen nichtssagenden Sätzen beginnen oder ob ihre Texte gleich auf Anhieb einer ganz anderen Liga angehören. Woran es liegt, dass mir solche Autoren gefallen, weiß ich nicht. Zumindest kann ich es nicht sachlich erklären. Es ist mehr so eine emotionale Sache. Wahrscheinlich liegt es nicht daran, welche Begriffe sie wählen oder gar welche Position ihre Worte einnehmen. Wenn ich allerdings ihre Werke lese, dann schwingt ein besonderes Gefühl mit. Am ehesten würde ich es als Melancholie bezeichnen. Bittersüß.

 

Während draußen die Sonne aufgeht und ein rotes Tuch auf das Land wirft, leuchtet drinnen die Anzeige der Digitaluhr in derselben Farbe. Beide sind ein Beweis dafür, dass die Zeit verrinnt.

 

Langsam formen sich konkrete Bilder. Von jetzt an kann ich die Zeichen verschieben, wie ich es will. Es ist, als würde man mit Bausteinen hantieren. Und weil bereits Kleinkinder so etwas können, fühlt es sich ganz natürlich an. Möglicherweise gehen ja auch Schreiber wie Paulo Coelho so vor, wenn sie kreativ werden. Aber es sind noch viel zu viele unterschiedliche Farben in der Konstruktion vorhanden, weshalb ich alle Einzelteile gründlich mustere, bevor ich etliche von ihnen aussortiere.

 

Drinnen leuchten Zahlen, draußen geht die Sonne auf, beides blutrot. In der Dunkelheit stehend, wird mir bewusst, dass der Moment bereits verschwunden ist.

 

Ich lächle zufrieden. Endlich ein paar Sätze, die klingen, als hätte sie ein Poet zu Papier gebracht. Vielleicht kann ich diese Kreation irgendwann nutzen. Als ich mich vom Fenster abwende, merke ich, dass da nichts Rotes mehr ist. Der klare Himmel hat schon einen blauen Ton angenommen, und die Sonne leuchtet gelblich. Auch die Dunkelheit in meinem Zimmer ist verschwunden. Was geblieben ist, sind lediglich die rot leuchtenden Zahlen.


Spitzbergen

Es ist schon spät. Die meisten Gäste sind längst verschwunden, nur der Stammtisch ist noch besetzt. Zwölf vertraute Stimmen prasseln auf mich ein.

»Kein großes Ding!«

»Das wird schon wieder!«

»Hat nichts zu bedeuten!«

»Bald ist es vergessen!«

Alles dreht sich. Nicht wegen des Alkohols, sondern weil ich Schuldgefühle habe. Dazu gesellen sich merkwürdige Bauchschmerzen, vermutlich aus demselben Grund.

»Lass den Kopf nicht hängen!«

»Immerhin habt ihr so viel zusammen durchgemacht!«

»Wegen so einer Kleinigkeit gleich aufzugeben!«

»Da passiert schon nichts!«

Natürlich meinen es meine Freunde nur gut mit mir, aber ihre Worte erreichen mich kaum. In dieser Situation gibt es nichts zu beschönigen. Nichts, was sie sagen, kann mich aufmuntern.

»Es war nur ein einziges Mal!«

»Du warst wütend auf deinen Vater!«

»Und dann noch die finanzielle Lage!«

»Eigentlich bist du der beste Ehemann von allen!«

Ich werfe einen Blick auf die Uhr und stehe auf. Ein gezwungenes Lächeln erscheint auf meinen Lippen. Dann verabschiede ich mich.

 

Auf der Fahrt nach Hause schießen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Trotzdem zwinge ich mich, mich auf die Straße zu konzentrieren. Der verführerisch glitzernde Neuschnee ist noch unangetastet. Was nicht von den Laternen angestrahlt wird, verliert sich in der Dunkelheit. Obwohl die Heizung aufgedreht ist, beginne ich zu zittern. Ich fühle mich wie ein Mann in Spitzbergen – isoliert in der Einsamkeit. Überall nur Finsternis und Kälte, die meinen Körper plagen. Trotz der Tatsache, dass ich nicht der einzige Einwohner in diesem Kaff bin, fühlt es sich so an, als hätte mich jeder im Stich gelassen. Zwar besitze ich mein Haus, meinen Beruf, meine Freunde, doch all das rückt in weite Ferne. Wichtig ist nur eine einzige Person. Und diese Person habe ich geschlagen. Ein einziges Mal nur. Aber geschehen ist geschehen. Man kann es nicht rückgängig machen. Es ist in die Geschichtsbücher eingegangen. Ein Satz in der Chronik meines Lebens, der nicht gelöscht werden kann. Ich leide darunter.

Als ich abbiege, kann ich mein Zuhause erkennen. Im oberen Stockwerk brennt Licht. Die hellen Fenster sind wie leuchtende Sterne am schwarzen Himmel. Meine Frau ist also wieder heimgekehrt. Hoffentlich wartet sie auf mich, damit ich mich bei ihr entschuldigen kann. Aber vielleicht hat sie in Gedanken die Beziehung mit mir bereits beendet und packt ihre Sachen. Das würde bedeuten, dass ich sie verliere, und zwar für immer. Dieser Gedanke tötet mich. Und doch, wir haben so viel gemeinsam durchgemacht. Glück. Pech. Freude. Trauer. Nichts könnte uns auseinanderreißen, so haben wir es der Welt stets verkündet. Ein unzertrennliches Paar, inmitten dieses Chaos. Was macht da schon ein einziger Fehltritt? So unbedeutend wie das Wispern des eisigen Windes in dunkler Nacht.

Ich denke, dass sie mir verzeiht. Aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.


Turmbau zu Babel

Mein Name ist Leonie, und ich habe Höhenangst. Nicht nur ein bisschen, sondern das volle Programm. Es macht keinen Unterschied, ob ich beispielsweise an einem Seil über einem bodenlosen Abgrund baumle oder in vermeintlicher Sicherheit hinter einer Glaswand auf einer Aussichtsplattform stehe. Mir wird sofort schwindelig, mein Herz klopft wie verrückt, und manchmal drohe ich sogar in Ohnmacht zu fallen. Natürlich gibt es auch eine Therapie gegen diese Angststörung. So ist mir geraten worden, einen sicheren Ort wie meinen eigenen Balkon aufzusuchen und dort in unregelmäßigen Abständen nach unten zu blicken. Aber auch diese einfachen Situationen sind bei mir mit einem Haufen Stress verbunden, also stellt sich mir eine Frage der Bequemlichkeit. Will ich meine Angst denn überhaupt bekämpfen?

Dieses Problem besteht nicht von meiner Geburt an. Als kleines Mädchen habe ich die steilsten Wände erklommen und mich auf die schiefsten Bäume geschwungen. Vielleicht hat es irgendeinen Vorfall gegeben, bei dem ich eine Art Schock erlitten habe. Meine Eltern beteuern jedoch, dass mir nichts Derartiges widerfahren sei. Möglicherweise hat sich die Angst ohne jeden Grund manifestiert. Bin ich also dazu gezwungen, sie zu bekämpfen?

Es ist wie nach einer Trennung von einer geliebten Person. Wenn es das Glück gestattet, bei der ersten Beziehung schon einen Hauptgewinn zu ziehen, so wie bei mir, dann erscheinen alle anderen Partnerschaften wie Notlösungen. Es entsteht ein bestimmtes Gedankenkonstrukt, das vorgaukelt, niemand sonst auf der Welt könne auf diese Weise lieben. Gemeinsam wird eine surreale Festung der Zweisamkeit erbaut. Doch dann läuft trotzdem – oder gerade deshalb – etwas schief, und es folgt ein Fall aus allen Wolken.

Wie viele Ratgeber habe ich durchgeblättert, wie viele Websites durchkämmt, nach der Antwort auf die eine Frage; ›wieso‹? Noch nie habe ich irgendeine Form der Abhängigkeit erlebt, aber nach dieser Trennung habe ich am eigenen Leib erfahren, wozu emotionaler Entzug tatsächlich fähig ist. Ich habe so gut wie gar nicht geschlafen, habe fast keine Nahrung zu mir genommen, bin mit Fieber im Kreis gelaufen, und die Gedanken im Kopf haben keine Ruhe gefunden. Ich bin verwirrt gewesen, habe den Weg nach Hause einfach nicht gefunden. Tage sind vergangen, dann Wochen. Es ist besser geworden. Mit kleinen Schritten nur, aber jeder einzelne ist ein Erfolg.

Ich bin nicht zerbrochen. Schließlich bin ich wieder die Frau geworden, die ich vor der Trennung gewesen bin. Nein, ich bin sogar daran gewachsen. Noch nie hat es sich so gut angefühlt, in diesem Körper voller Schwächen und Ängste zu stecken. Meine Heimat ist also in mir. Aber solange ich keine neue Beziehung eingehe, oder es zumindest versuche, wird der Schmerz nicht gänzlich verschwinden.

Es ist wie mit der Höhenangst. Man kann darauf warten, dass sie verschwindet. Oder man geht auf den Balkon und holt tief Luft.


zwei Arkana

Langsam aber unaufhaltsam kroch der Nebel von den Hügeln ins Tal, und auf seinem Weg verschluckte er nicht nur ganze Wälder, sondern ließ auch die Vögel verstummen. Der erbitterte Kampf der beiden Arkana hatte schon vor Morgengrauen begonnen und dauerte noch immer an.

Mit einem mächtigen Schwerthieb ließ Artus seinen Gegner wanken. Die gewaltige Waffe lag schwer in seinen Händen, doch er wusste mit ihr umzugehen. Sein muskulöser Körper steckte in einer prächtigen Rüstung, welche seine Feinde vor Ehrfurcht erzittern ließ.

Durch das Schwingen des Stabes konnte Merlin seinen Feind zurückstoßen. Eine tobende Säule aus eiskalten Flammen brach aus seinem magischen Werkzeug hervor. In der leichten und mit merkwürdigen Symbolen bemalten Robe konnte er taktisch vorgehen.

Selbst als der Nebel in dieser Ruinenstadt ankam, wurde der Kampf nicht abgebrochen. Mittlerweile hatte sich der blühende Garten in ein Schlachtfeld verwandelt, auf dem abgeschlagene Köpfe und Monsterfänge zu finden waren. Eine winzige Biene gestattete es sich, auf einer von Tau bedeckten Rose Platz zu nehmen, wurde jedoch sofort wieder aufgescheucht. Durch die stickige Luft hallten Schreie, und das Keuchen der Kontrahenten wurde immer intensiver.

Zunächst beschwor Merlin eine Wand aus gigantischen Felsen, dann nutzte er die Auszeit, um sich auf einen besonderen magischen Spruch vorzubereiten. Plötzlich spürte er ein Beben und musste sich flach auf den Boden werfen. Wie erwartet hatte Artus sein Schwert mit voller Gewalt durch die Felswand getrieben und sie zum Einsturz gebracht. Nun setzte er nach und ließ seine Klinge durch die Luft tanzen. Doch auch Merlin wusste sich zu wehren. Während er rückwärts stolperte, blockte er mit seinem Stab die Hiebe ab. Danach kritzelte er ein imaginäres Zeichen vor sich. Schon wurde Artus herumgeschleudert und fiel. Nur durch seine ausgeprägte Körperbeherrschung konnte er der Niederlage entgehen.

Inzwischen war die Sonne bereits gewandert, und der Himmel hatte ein helles Blau angenommen. Auf den tiefgrünen Blättern der Wiesen waren keine Tropfen mehr zu entdecken. Von irgendwoher konnte man es bellen hören. Vielleicht waren es die Tiere leid, sich die Ruinen mit dem Krieger und dem Magier zu teilen.

Artus stemmte seine Füße in die Erde und setzte seine ganze Kraft in einen enormen Schlag, sodass sein Schwert wie ein Blitz durch die Luft sauste.

Merlin ließ die Kräfte der Natur in seinen Körper fahren und hielt seinen Stab schützend vor sich, sodass er jedem Angriff standhalten konnte.

So prallte Schwert auf Stab, und eine enorme Druckwelle raubte beiden Arkana die Macht weiterzukämpfen.

In diesem Moment streckte die Mutter der Kinder den Kopf in den Garten und rief ihnen zu, das Frühstück sei angerichtet. Und die Welt der Fantasie verschwand. Mit einem herzhaften Lachen ließen die Zwillinge ihre Spielzeugwaffen fallen und liefen auf das Haus zu, in Erwartung eines köstlichen Kakaos.


Wortsturz

Ich grüße Euch, werter Freund!

Wie ist es Euch ergangen? Mich dünkt, Ihr habt während meiner Abwesenheit das eine oder andere Abenteuer erlebt. Ich selbst erfreue mich bester Gesundheit, und auch meine Liebsten finden keinen Grund sich zu beklagen. Da das Frühjahr angebrochen ist, liege ich abends oftmals bei geöffnetem Fenster auf der Sitzbank und schwelge in Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit, welche mir stets ein Lächeln entlockt. Vor allem die Nacht in der Stadt hat es mir angetan, was vermutlich an der Begegnung mit der hübschen Maid liegt. Leider habe ich den Namen des Etablissements vergessen, in welchem wir uns Speis und Trank hingegeben haben. Wärt ihr so freundlich mir zu verraten, wie der Name der Straße lautet, auf der meine Lippen die der Maid berührten? Vielleicht gelingt es mir, Euch diesen Sommer noch einmal zu besuchen, sofern es der Inhalt meines Portemonnaies zulässt. In mir brennt ein Verlangen, diese anmutige Person wiederzusehen. Möglicherweise gelingt es mir, sie zu ehelichen. Das wäre ebenfalls ein Erlebnis, über das nachzudenken es sich lohnte.

beste Grüße, Euer träumerischer Sepp

 

Hey!

Alles frisch? Alter, fast hätt ich vergessen, wie schräg du bist. Das ist voll seltsam, wie du sprichst und sogar schreibst und so. Das hier ist eine Online-Message und kein mittelalterlicher Brief oder so was. Aber was wir zusammen durchgemacht haben, hab ich nicht vergessen. Echt unglaublich, wie ein Spinner wie du so viel Alk vertragen kann. Von welchem Mädel faselst du eigentlich? Meinst du die eine, die so eine komische Jacke getragen hat? Falls ja, dann hast du Glück gehabt, weil die ist momentan single. Übrigens heißt die Straße, auf der du nackt herumgelaufen bist, Handelskai, aber den Namen von der Bar weiß ich auch nicht mehr. Es wär total geil, wenn du heuer wieder vorbeikommen würdest. Ich denk, wir können die alte Truppe noch mal zusammentrommeln und gemeinsam bisschen um die Häuser ziehen. Bei uns ist auch alles in Butter soweit. Bleib so wie du bist, du Aas du.

hau rein, dein Amadeus


Wolkenbruch

Schwere Augen von den herumfliegenden Pollen, die Schultern tragen Blütenstaub. Schon sind die letzten fliegenden und krabbelnden Arbeiter in ihren Verstecken verschwunden. Lautes Grollen in der Ferne, bunte Schirme sprießen bereits in die Höhe. Ewig sitzt man noch, bis dann die ersten Tropfen fallen. Tinte verrinnt, das Papier ist völlig durchnässt. Angestupst von der Nase des Partners. Es ist nicht Zeit zu gehen, und doch verschwinden alle. Ich will ja nicht meine Lungen fluten, eine äußerliche Reinigung reicht völlig. Der Sekundenzeiger meiner Uhr ist unglaublich langsam. Vom Turm hört man es schlagen, ich zähle kaum die Stunden. Aber ich weiß, du willst wissen, wie die Sterne stehen. Wie gerne wären wir über die wässrige Brücke gewandert, auf der Suche nach einer Insel für uns allein. Endlich Material für mich, zum Bearbeiten mit der schärfsten aller Klingen, und etwas Farbe, damit du künstlerisch sein kannst. Wie bald der Brief vernichtet ist, er hätte ohnehin keinen Sinn ergeben. Um mich herum, die Menschen haben alles. Genauso gut könnte es sich bei den Edelsteinen um zerbrochenes Glas handeln. Wird Reichtum auf diese Weise interpretiert, besäße ich das größte Vermögen, ist doch unsere Bande unendlich wertvoll. Manches Mal bis zum Reißen gespannt, niemals auch nur in Gefahr zerteilt zu werden. So abartig ich diese Welt auch finde, sie hat mich immerhin aufgenommen. Wieder einmal darf ich nicht den Anblick der Weiten, den Duft der Schätze, den Geschmack der Gaben, das Wispern der Stille vergessen. Und wie ich dich berühre. Nach dem Wolkenbruch. Ich stehe auf, klopfe meinem vierbeinigen Freund auf den Bauch. Meine Liebe wird heute nicht kommen, also gehe ich. Treffen werden wir uns ohnehin. Wenn auch nicht in dieser Welt. Aber das ist unwichtig.


geschätztes Unbekanntes

Natasha hatte in ihrem Leben noch kein einziges Mal Angst vor der Dunkelheit verspürt. Im Gegenteil; vollkommene Finsternis war sogar befreiend. Keine Bilder, die seltsame Formen annehmen und verrückt spielen. Nur Schwärze, sonst nichts.

An diesem Tag allerdings hätte sich Natasha am liebsten eine Glühbirne auf die Stirn gebunden. Warum hatte sie auch diesen Weg durch das Wäldchen einschlagen müssen? Bloß um zehn Minuten früher zuhause zu sein und den grölenden Säufern am Bahnhofsgelände zu entgehen. Ein ziemlich großes Risiko für so eine kleine Abkürzung.

Die Taschenlampenfunktion auf Natashas Smartphone war keine große Hilfe. Da war zwar ein einigermaßen heller Lichtkegel, der die Schatten durchschnitt, doch der Nebel griff von allen Seiten nach ihr. Unter ihren Schuhen knackten Zweige, und trockene Blätter raschelten bei jeder Bewegung. Irgendwo machte sich ein Waldkauz mit einem aufgeregten Schrei bemerkbar.

Plötzlich stolperte Natasha. Beinahe wäre sie gestürzt, konnte sich jedoch im letzten Moment noch an einem dicken Stamm abfedern. Sie wusste, dass es keine gute Idee war, sich umzudrehen. Andererseits wollte sie wissen, worüber sie gestolpert war. Wie groß war schon die Wahrscheinlichkeit, dass da etwas Unheimliches lag? Vermutlich gleich Null. Aber es war kein Baumstumpf, es war auch keine Wurzel, und es war kein Felsen. Sondern eine Leiche.

Ob der Körper tatsächlich leblos war, konnte Natasha nicht sagen. Allerdings war er nackt und mit Erde beschmiert. Als der Lichtstrahl des Smartphones auf ihn fiel, stach das Rot zwischen all den anderen tristen Farben deutlich heraus.

Es dauerte eine Weile, bis sich Natasha wieder bewegen konnte. Dann schaltete sie die Taschenlampenfunktion aus, drehte sich um und begann zu laufen. Sie rannte durch die Dunkelheit. Wie schön es doch war, so wenig sehen zu können. Weniger Gelegenheiten für das Gehirn, hinter jedem Baum einen Mörder zu vermuten.

Drei Minuten brauchte Natasha, bis sie aus dem Wäldchen fand. Aber es hatte sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Sie spürte die Hormone in ihrem Körper herumwirbeln. Als wäre sie genüsslich ihre tägliche Morgenstrecke gelaufen. Doch der Schweiß auf ihrer Haut kam nicht von Anstrengung, sondern war aus purer Furcht geboren worden.

In ihrer Wohnung angekommen, entledigte sie sich ihrer Schuhe und ihres Mantels. Sie stellte ihre Tasche ab und schlurfte in die Küche. Selbst als ihr Verlobter sie begrüßte, sagte Natasha kein Wort. Nachdem sie ein Glas Wasser geleert hatte, stellte sie sich unter die Dusche und verließ das Bad erst nach eineinhalb Stunden wieder. Unter dem Vorwand, dass sie starke Menstruationsschmerzen hätte, legte sie sich gleich ins Bett.

Natashas Verlobter war bereits vor langer Zeit neben ihr eingeschlafen, doch sie starrte noch mit offenen Augen in die Finsternis. Da war sie wieder, rein und vollkommen. Sie würde dieses Geheimnis mit ihr teilen. Wie eine gute alte Freundin.


mehr als du denkst

Als der Mond heute aufgestiegen ist, kreisrund, in aller Pracht, hat er in der Farbe ihres Haars geleuchtet, und der Himmel hat den Ton ihrer Augen angenommen. Sie kann nicht wissen, wie schön sie ist, wie wundervoll sie trotz oder vielleicht sogar wegen einiger Ungereimtheiten auf mich wirkt.

Wenn sie die Gänge entlangwandert, als hätte sie die Gleichgültigkeit der gesamten Welt gepachtet, während ihre Hüften wie ein leises Pendel schwingen, bin ich ganz in ihrer Magie gefangen. Wie sie spricht, wie sie denkt, wie sie unbeeindruckt döst, während alles um sie herum in Chaos versinkt. Hinter einer Fassade aus schützenden Farben steckt ein aus Legenden geborener wirrer Verstand, welcher es vermag, in ungeahnte Sphären zu fliehen. Ihre erquickende Energie ist rasch dahin, aber Gemütlichkeit wird in dieser Welt ohnehin vermisst. Ob sie einfach nur für sich bleiben will, ist kaum zu sagen. Auch der Mond bleibt in sicherer Distanz und vollbringt dennoch Wunder, indem er uns Menschen beeinflusst, Lebewesen einer gänzlich anderen Welt sozusagen.

Nichts ist jemals so klar gewesen. Wer nicht glaubt, dass so etwas wie Seelenverwandtschaft existiert, kann mich nicht verstehen. Es ist beinahe schon erschreckend, wie einfach man sich in einem anderen Menschen verlieren kann, den man gerade erst kennengelernt hat. Als hätte man bereits das ganze Leben an dessen Seite verbracht. Man fühlt sich schlagartig wohl und kennt keine Ängste mehr. An dieser Stelle kann es weder Urteil noch Strafe geben. Doch leider wird ständig versucht, jede erdenkliche Eigenart wissenschaftlich zu erklären. Mir ist es völlig egal, ob wir uns aus einer anderen Realität kennen oder ob unsere Körper nur zufällig dieselben chemischen Substanzen produzieren. Es gibt nichts Unwichtigeres als die Frage, warum unsere Herzen im selben Takt schlagen. Manchmal müssen die Gedanken auch einmal ruhen. Ich will keine Erklärung, ich will es einfach nur genießen.

Wenn ich dein Antlitz beobachte, kommen mir strahlendes Blau und glitzerndes Grün entgegen, und dieses Gefühl ist mit nichts zu vergleichen. Ich habe von dir geträumt, einige Tage bevor wir uns das erste Mal getroffen haben. Du zerstörst alle meine Zweifel und lässt mein rosafarbenes Herz leuchten! Wie könnte ich jemals akzeptieren, nicht an deiner Seite zu sein? Als ein Krieger wenigstens, mit dem Schwert des Lichts deine Finsternis durchbrechend.

Ein letztes Wort noch. Du hast mir sehr geholfen. Dank dir weiß ich nun, dass es kein perfektes Szenario gibt. Dass ich Liebe falsch definiert habe. Ich will eine Frau nicht lieben, weil sie in mir Erinnerungen an die Vergangenheit weckt. Ich will eine Frau nicht lieben, weil sie in mir Hoffnungen auf die Zukunft weckt. Was ich will, ist, mich in dieselbe Frau jeden Tag neu zu verlieben. So wie die Sterne jede Nacht von neuem erscheinen. Und das bedeutet es, glücklich zu sein. Aber ob ich dir das beibringen werde oder du mich das gelehrt hast, weiß ich nicht.

Ich will eine Frau, mit der es sich so anfühlt wie mit dir.


schlimmste Formen der Liebe

Sie blickte ihren schlafenden Verlobten an und lächelte wehmütig. Während sie nach den Kerzen griff, die farblich sortiert in Kunststoff verpackt waren, dachte sie an die Worte der anderen. ›Wie glücklich die beiden doch sind; ein perfektes Paar, wenn man das so sagen kann!‹

Langsam führte sie ein Streichholz zur Schachtel und ließ es mit einem Ruck über die raue Oberfläche schnellen. Obwohl das Geräusch den Raum wie ein donnernder Kanonenschuss erfüllte, rührte sich ihr Verlobter nicht. Er war schon längst in einem Zustand glücksseligen Schlafes gefangen. Als sie die Kerze entzündete, schloss sie die Augen – ein bisschen länger als für die Dauer eines gewöhnlichen Blinzelns vielleicht.

Schlagartig kam ihr die Erinnerung an ihren Kindheitsfreund wieder, mit dem sie vor einigen Wochen bei untergehender Sonne auf der Treppe gesessen hatte. Seine zarten Finger hatten ihre Hand umschlossen gehalten, und seine Berührung hatte ihr Energie gespendet. Obwohl er es nicht ausgesprochen hatte, wusste sie genau, was er hatte sagen wollen. Als wäre er die einzige Person, die ihre Sorgen verstand. Doch das war zu wenig.

›Wie kann es sein, dass eine selbstbewusste und starke Frau wie sie so abhängig ist? Ich bin mir sicher, dass ich diesen Blick schon tausende Male gesehen habe. Wie viele Lügen hat er diesmal erzählt; wie oft hat er die Grenze übertreten? Ist da etwas Echtes hinter seiner Maske; etwas Wahres, von dem wir nichts wissen; ein bisschen Glaube, für den es sich zu zweifeln lohnt? Gefangen in der Vergangenheit, als wäre sie ein Museum, in der Bilder einer perfekten Beziehung hängen, längst vertaubt und kaum beachtet. Vielleicht wird sie eines Tages aufwachen und es wissen. Vielleicht wird sie sich entscheiden und daran wachsen. Vielleicht wird sie ihren Kummer beenden und gehen. Wir leben in einer Welt, in der sich Menschen auf alles einlassen, bloß damit sie irgendetwas besitzen. Und so kommen wir vom Weg ab, der uns zu unserer wahren Bestimmung führt. Aber es gibt Hoffnung, natürlich. Hast du noch genug Kraft, dafür zu kämpfen?‹

Entschlossen öffnete sie die Augen und stellte die Kerze auf den Platz, den sie so sorgsam ausgesucht hatte. Dann setzte sie sich neben ihren schlafenden Verlobten und lehnte sich zurück. Ein perfektes Paar, wenn man das so sagen kann? Also werden sie sich bloß an unser Lächeln erinnern, weil das alles ist, was sie je erlebt haben. Als dummen Unfall werden sie es abstempeln, wo die Stoffvorhänge doch so leicht entflammbar sind. Lange sind sie schon vertrocknet, wenn sie uns dann schließlich finden – unsere Tränen, in denen wir ertrunken sind.


Schmetterlingseffekt

Einige mögen vielleicht wissen, dass die Theorie des Schmetterlingseffekts besagt, der Flügelschlag eines Schmetterlings könne einen Sturm auslösen. Obwohl die Chaosforschung durchaus ein Teilgebiet der Wissenschaft ist, kann das Beispiel des Schmetterlings nicht wortwörtlich genommen werden. Große fatale Auswirkungen können kleine banale Ursachen haben. Aber ein so zartes und verletzliches Geschöpf besitzt doch kaum die Macht, die Umwelt auf eine solche Weise zu beeinflussen. Und was, wenn doch? Was, wenn eine kaum wahrnehmbare Aktion eine unermesslich gewaltige Folge nach sich zieht? Möglicherweise steckt im Chaos sehr viel mehr Ordnung, als wir denken.

Farben. Zeichen. Immer dieselbe Handbewegung. Papier und Plastik. Wieder und wieder und wieder. Bald ist das Fach aufgefüllt, doch das nächste Loch hat sich bereits aufgetan. In den Handschuhen können meine Finger das Material nicht ertasten, aber das Gewicht lastet stark auf ihnen. Kekse und Bonbons, Zucker und Mehl, Reis und Nudeln, Tee und Kaffee, stets dieselben Sachen. Es ist eine nie enden wollende Tätigkeit, eine Aufgabe ohne Ziel.

Ich frage mich, ob es einen Sinn hat. Wie so oft kann ich mich nicht auf die Gegenwart konzentrieren, und die Gedanken prasseln nur so auf mich ein. Trägt diese Arbeit zum Gemeinwohl bei? Hat das, was ich tue, einen Nutzen? Wenn ich nicht wäre, würde ein Kunde möglicherweise sein Lieblingsgetränk nicht bekommen oder einen Tag ohne Milch auskommen müssen. Allerdings wäre ich innerhalb einer Woche ersetzt. Denn selbst ein Kind könnte diese Art von Arbeit verrichten.

Müde gehe ich nach Hause, an einen Platz, den ich nicht als Heimat bezeichne. Während ich einen Fuß vor den anderen setze und den Weg zurücklege, spielen sich in meinem Kopf noch einmal die Ereignisse der letzten Tage ab. Hauptsächlich handelt es sich um unbedeutende Erinnerungen wie etwa das monotone Einsortieren der Waren. Da sind aber auch diese fast schon wunderbaren Momente, welche von meinem Gedächtnis einfach zu wenig geschätzt werden.

Habe ich nicht einer Person geholfen, indem ich ihr etwas geholt habe? Habe ich eine Person denn nicht sogar zum Lächeln gebracht, indem ich mich für ihre Kunst interessiert habe? Habe ich mit einer Person nicht Freundschaft geschlossen, indem ich mich dafür bedankt habe, was sie für mich getan hat? Habe ich nicht das Herz einer Person berührt, indem ich ihr gesagt habe, wie unvergleichbar schön ihre Augen auf mich wirken?

Vielleicht sind es nicht die Dinge, mit denen wir uns identifizieren. Körper, Arbeit, Heimat, bloß Konstrukte des Egos. Vielleicht sind die kaum merklichen Taten viel wichtiger. Jemandem zu helfen. Oder zum Lächeln zu bringen. Versuchen, immer für Freunde da zu sein. Zu lieben. Dies sind jene winzigen Aktionen, welche gigantische Folgen nach sich ziehen. Voller unglaublicher Wunder. Sei selbst das Licht, das du in dieser Welt suchst. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.